Nobelpreisträger trifft forschen(den) Mittelstand

Professor Südhof, AiF-Präsidentin Karmann-Proppert und AiF-Hauptgeschäftsführer Dr. Thomas Kathöfer (v.l.)

16.12.2016 |

Beim diesjährigen Highlight-Event der AiF am 15. Dezember 2016 in Berlin traf Medizin-Nobelpreisträger Professor Thomas Südhof den forschenden Mittelstand im Netzwerk der AiF. Rund 170 Gäste aus Politik, Ministerien, Wirtschaft und Wissenschaft waren ins Humboldt Carré gekommen, um sich darüber zu informieren, was den forschen(den) Mittelstand inspiriert und wie man ihn passgenau fördern kann. 

Yvonne Karmann-Proppert, Präsidentin der AiF und Geschäftsführende Gesellschafterin der Pharma-Labor Yvonne Proppert GmbH, begrüßte die Gäste und stellte mit Freude fest, dass das Jahr 2016 ein besonders erfolgreiches für die AiF war: „30 Millionen ist unsere Zahl des Jahres, denn wie Sie alle wissen, wurden die Fördermittel der Industriellen Gemeinschaftsforschung (IGF) für 2017 um diese beachtliche Summe erhöht. Und weitere 48 Millionen Euro sind für die Folgejahre zugesagt. Nicht unerwähnt lassen möchte ich auch die Erhöhung des Budgets beim Zentralen Innovationsprogramm Mittelstand (ZIM) um 10 Millionen Euro. Wir danken den Mitgliedern des Deutschen Bundestages, die diesen Mittelzuwachs befürwortet haben, sowie allen Fürsprechern und Mitstreitern der AiF.“

Iris Gleicke, Parlamentarische Staatssekretärin beim Bundeminister für Wirtschaft und Energie sowie Mittelstandsbeauftragte der Bundesregierung, erklärte bereits im Vorfeld der Veranstaltung mit Blick auf die Mittelaufstockung in der IGF: „Die Industrielle Gemeinschaftsforschung ist ein themen- und branchenoffenes vorwettbewerbliches Förderprogramm des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie, das seit jeher den Transfer in die Wirtschaft im Fokus hat. Dank der deutlich verbesserten Finanzausstattung können jetzt schon in der ersten großen Auswahlrunde viele Projekte bewilligt werden, die trotz ihrer hohen Qualität seinerzeit zunächst zurückgestellt werden mussten. 170 neue Projekte, die die Gutachter überzeugt haben, erhalten kurzfristig die Förderzusage.“ Aufgrund einer namentlichen Abstimmung im Bundestag konnte Sie leider nicht wie geplant an einer Podiumsdiskussion im Rahmen der Veranstaltung teilnehmen.

Forschung für ein gesundes Leben

Professor Dr. Thomas C. Südhof, Medizin-Nobelpreisträger und Avram Goldstein Professor an der School of Medicine, Stanford University, USA, hielt die Keynote Speech des Abends unter der Überschrift „Forschung für ein gesundes Leben: Chancen und Herausforderungen“. Der Biochemiker und Professor für Physiologie, Neurochirurgie, Neurologie und Psychiatrie arbeitet insbesondere an der Erforschung von Synapsen, den fundamentalen Schaltstellen des Nervensystems. Sie verknüpfen Nervenzellen in Netzwerken. Die Informationsverarbeitung im Gehirn erfolgt dabei in Milliarden von überlappenden Netzwerken, die sich ständig verändern. Diese neuronalen Netzwerke ermöglichen eine enorme Informationsverarbeitungskapazität, allerdings verstehen wir immer noch nur bedingt, wie das alles wirklich funktioniert. Die Forschung für ein gesundes Leben muss daher weiter auf ein tieferes zelluläres und molekulares Verständnis zielen, um psychiatrische Störungen oder Krankheiten wie Alzheimer besser erklären und ihnen entgegenwirken zu können.

IGF-Projekt des Jahres 2016

Ein weiterer Höhepunkt der Veranstaltung war die Auszeichnung des IGF-Projekts 2016. Drei Finalisten waren dafür vom Wissenschaftlichen Rat (WR) der AiF ausgewählt worden. Sie hatten die Jury mit einem besonders hohen Erkenntnisgewinn, aber auch mit der großen wirtschaftlichen Bedeutung der Ergebnisse für mittelständische Unternehmen überzeugt. Die Finalisten und ihre IGF-Projekte wurden in Kurzfilmen und anschließenden Interviews vorgestellt. Die Gewinner erhielten den mit 10.000 Euro dotierten Otto von Guericke-Preis. Die AiF vergibt den Preis in Würdigung herausragender Leistungen in der IGF in diesem Jahr bereits zum 20. Mal.

Professor Matthias Rehahn, Vizepräsident der AiF und Vertreter der Wissenschaft im AiF-Vorstand, gab die diesjährigen Preisträger bekannt: Professor Thomas Hofmann und Professor Siegfried Scherer von der Technischen Universität München sowie Professor Monika Ehling-Schulz von der Veterinärmedizinischen Universität Wien. Die Wissenschaftler dieses internationalen Teams, die vom AiF-Mitglied Forschungskreis der Ernährungsindustrie (FEI) vorgeschlagen wurden, entwickelten einen schnellen, sicheren und wirtschaftlichen Nachweis für das Toxin „Cereulid“ in Lebensmitteln. Die Aufnahme über ein kontaminiertes Lebensmittel führt typischerweise zum Erbrechen, kann jedoch vereinzelt auch schwerwiegendere Erkrankungen wie Hepatitis hervorrufen. Die neue Cereulid-Tool-Box innovativer Diagnostikmethoden wird inzwischen erfolgreich in der Praxis eingesetzt und ist Basis für die Entwicklung eines weltweit angewandten ISO-Standards. Statt 60 Stunden dauert der Test nun nur noch 45 Minuten. Damit bilden die Ergebnisse dieses IGF-Projekts einen Meilenstein für den Verbraucherschutz und für die Produktsicherheit.

Was braucht der Mittelstand? – Ein Wunschzettel

Kurz vor Weihnachten entstand zum Abschluss des Programms ein „Wunschzettel“ für die Forschungsförderung im Mittelstand. Wissenschaftsjournalist Jan-Martin Wiarda diskutierte mit der ehemaligen Bundesforschungsministerin und Ehrensenatorin der AiF, Edelgard Bulmahn, die in Vertretung von Staatssekretärin Gleicke das Podium bereicherte, sowie AiF-Präsidentin Karmann-Proppert, Nobelpreisträger Professor Südhof und dem Sprecher der Forschergruppe, die kurz zuvor den Otto von Guericke-Preis 2016 erhalten hat, Professor Hofmann, darüber, wie die Politik noch besser dabei helfen kann, Brücken zwischen Wirtschaft und Wissenschaft zu bauen, und was der forschende Mittelstand zu den zentralen Herausforderungen für die Gesellschaft in den kommenden Jahren beitragen kann.

Professor Hofmann eröffnete den Wunschzettel mit einem Plädoyer für eine Entbürokratisierung der Antragsprozesse insbesondere bei den europäischen Fördermaßnahmen, um die Einstiegshürden gerade für mittelständische Unternehmen zu reduzieren.

Professor Südhof sprach sich für eine ausgewogene Mischung von Grundlagenforschung und anwendungsorientierter Forschung aus, um öffentliche Mittel bestmöglich zum Wohle aller einzusetzen, und lobte den Mittelstand in Deutschland, weil er eine Innovationsvielfalt gewährleiste, die große Unternehmen nicht generieren können.

Die Bundestagsabgeordnete Edelgard Bulmahn zeigte sich offen für die Wünsche der Diskussionsteilnehmer, da der Bedarf an Wissen unbegrenzt sei. Allerdings gelte es, in der wechselseitigen Kommunikation zwischen Politik und Wissenschaft im Hinblick auf das Machbare Grenzen abzustecken, die für beiden Seiten akzeptabel sind. Als zusätzliche niederschwellige Fördermaßnahme speziell für den Mittelstand befürwortet sie eine Steuerliche Forschungsförderung, die komplementär zur Projektförderung eingeführt werden könnte, ohne diese unter Druck zu bringen.

Die AiF-Präsidentin bekräftigte abschließend, dass die Mittelaufstockungen in der IGF und im ZIM für 2017 ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung seien, da sie den forschenden Mittelstand zielgenau unterstützen und nicht nur seine Wettbewerbsfähigkeit stärken, sondern auch zur Sicherung des Fachkräftenachwuchses und zur Vernetzung beitragen. So hat auch das Hightech-Forum der Bundesregierung beide Programme als bewährte Instrumente zur Intensivierung der Zusammenarbeit zwischen Wirtschaft und Wissenschaft bewertet, die es zu stärken gilt. „Ein weiterer Ausbau der Programme ist daher ein gutes Rezept, um Hürden abzubauen und die Innovationsfähigkeit des Mittelstandes auch in Zukunft zu sichern.“, sagte Karmann-Proppert.

Ein Flying Dinner mit musikalischer Unterhaltung und vorweihnachtlichen Überraschungen bot allen Teilnehmern danach die Gelegenheit für persönliche Kontakte und den individuellen Austausch.

Weitere Informationen zum IGF-Projekt des Jahres 2016 finden Interessenten in einer ausführlichen Presseinformation und einem dreiminütigen Film zum Projekt, der – ebenso wie die Filme zu den beiden weiteren Finalisten – in der AiF-Mediathek verfügbar ist.

Impressionen der Veranstaltung finden Sie in einer Bildergalerie.

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