Karlsruher Unternehmen testet und optimiert Antriebe vom Schiffsdiesel bis zur Formel 1

Dietmar Goericke, Dr. Bernhard Kehrwald, Dr. Peter Berlet, MdB Dr. Christian Jung, Andrea Weißig (v.l.)

20.09.2019 |

Die Leistungen des deutschen Mittelstandes sind im Ausland hoch anerkannt – und wiederum „zuhause“, in der eigenen Region, oft gar nicht bekannt. In der Stadt und dem Landkreis Karlsruhe entstehen täglich weltweit wirksame Innovationen für die aktuelle und künftige mobile Gesellschaft.

Ölbefeuerte Antriebe großer Kreuzfahrtschiffe stoßen große Mengen umweltbelastender Partikel aus. Klimaanlagen in Pkw benötigen dringend umweltneutrale Kältemittel. Auch hierfür müssen Lösungen her. Das mittelständische Unternehmen IAVF Antriebstechnik GmbH aus Karlsruhe arbeitet unter anderem an der ständigen Optimierung von Verbrennungs-, Hybrid- oder auch Elektro-Antrieben. Zu ihren Kunden gehören Hersteller von Motoren für handgehaltene Arbeitsgeräte, Pkw und Nutzfahrzeuge sowie Entwickler von Rennsportmotoren, von Motoren für große Minenarbeitsmaschinen, Schiffsmotoren oder Stromgeneratoren.

Die Karlsruher liefern ihre Expertise bei der Entwicklung solcher Antriebsmaschinen, insbesondere in Bezug auf Verschleiß, Reibleistungsverluste und Emissionen. Selbst in der hochtechnisierten Formel 1 bedient man sich des Knowhows der IAVF GmbH. „Wir sind relativ regelmäßig mit unserem Personal und unserer Messtechnik vor Ort, bei den Entwicklern in den Formel-1-Rennställen, tätig“, betonte Dr. Bernhard Kehrwald, Geschäftsführer der IAVF Antriebstechnik GmbH.

Weltmarktführer häufen sich in der Region

„Alle zwei bis drei Kilometer gibt es in Karlsruhe und Umgebung einen mittelständischen Weltmarktführer,“ sagte der Bundestagsabgeordnete Dr. Christian Jung (FDP). Sein Wahlkreis ist Karlsruhe-Land. Gemeinsam mit Vertretern der AiF Arbeitsgemeinschaft industrieller Forschungsvereinigungen „Otto von Guericke“ e. V. besuchte er am 17. September 2019 das forschende Unternehmen und informierte sich über die Wirkung und den Erfolg der Industriellen Gemeinschaftsforschung (IGF) in dem 1980 von Mitarbeitern der Universität Karlsruhe und des damaligen Kernforschungszentrums gegründeten Unternehmen. 

„Diese Förderung von Vorhaben der vorwettbewerblichen Gemeinschaftsforschung durch das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWi) hat die Forschungskultur unseres Unternehmens nachhaltig geprägt und zur Erweiterung des Unternehmens-Portfolios maßgeblich beigetragen“, erklärte Kehrwald. Aktuell ist das baden-württembergische Unternehmen gemeinsam mit weiteren kleinen und mittelständischen Unternehmen (KMU) in vier IGF-Forschungsvorhaben engagiert.

Die IAVF GmbH setzte früh eine eigene Nano-Technologie für die Verbesserung von Druckmaschinen, Gasturbinen, industriellen Webstühlen, Kompressoren sowie danach auch immer mehr bei Motoren ein. Dieses Verfahren kommt unter anderem bei Verschleißmessungen in Echtzeit und Tests in Vorbereitung der künftigen Motorenoptimierung zum Einsatz. Seit 2008 wurden von der APL Group, zu der die IAVF GmbH gehört, 84 Millionen Euro in den Standort Karlsruhe investiert.

Dr. Christian Jung, der Mitglied im Bundestagsausschuss für Verkehr und digitale Infrastruktur und stellvertretendes Mitglied im Bundestagsausschuss Bildung, Forschung und Technikfolgenabschätzung ist, sagte: “Wir Liberale wollen den Unternehmen die Infrastruktur bieten, dass sich diese frei entfalten können und bei uns bleiben.“ Unter anderem setzt er sich für die zweite Rheinbrücke zwischen Karlsruhe und Wörth ein, die ansässigen Unternehmen und deren Mitarbeitern eine erhebliche wirtschaftliche Unterstützung und Erleichterung bieten würde. An Kehrwald und die weiteren IAVF-Unternehmensgründer gerichtet, betonte der Abgeordnete: „Wir engagieren uns ausdrücklich für eine größere Wertschätzung von Familienunternehmen, denn der Mittelstand ist durch sie geprägt und hat eine größere wirtschaftliche Bedeutung als Großunternehmen, auf die viele Politiker zu sehr fixiert sind.“

IGF-Netzwerke branchenübergreifend erfolgreich

Der Geschäftsführer des Forschungskuratorium Maschinenbau e. V., der Forschungsvereinigung Verbrennungskraftmaschinen e. V. und der Forschungsvereinigung für Luft- und Trocknungstechnik e. V., Dietmar Goericke, hob hervor: „Forschung ist in vielen deutschen Mittelstandsunternehmen existenzsichernd und fester Bestandteil der Produktinnovation.“ Die drei erfolgreichen Forschungsvereinigungen, die er vertritt, sind Mitglieder der AiF. Und er machte deutlich: "Wir haben heute eine ganz neue Situation: Die klassischen Branchengrenzen lösen sich auf - Stichwort Digitalisierung. Das war vor fünf bis sechs Jahren noch außerhalb unseres Fokus‘. Die KMU benötigen System-Knowhow, zum Beispiel bei Prozessfragen. Die IGF-Netzwerke helfen hier über die gesamte Wertschöpfungskette mit übergreifenden Innovationsimpulsen aus der Forschung und dem ständigen Transfer aus den IGF-Projekten.“ Dafür würde, laut Goericke, die weltweit einmalige Gemeinschaftsforschung wertvolle Grundlagen liefern.

Schiffsgroßmotoren mit erheblich weniger Emissionen

Bei den vier Forschungsvorhaben, in denen die IAVF engagiert ist, geht es unter anderem um eine wirksame Verringerung von Asche- und Rußpartikelemissionen bei Schiffsgroßmotoren. Bisher gibt es keine technischen Lösungen zur effektiven Filterung. Das gemeinsame IGF-Vorhaben soll die Anwendbarkeit offenporiger Filter untersuchen. Die Ergebnisse werden Grundlage für eine industrielle Fertigung von Schiffsdieselpartikelfiltern. Erste Produkte werden in drei bis fünf Jahren nach Projektende erwartet. Die weiteren drei Vorhaben beschäftigen sich ebenfalls mit der Einhaltung von Emissionsgrenzwerten bei Autos und anderen Kraftfahrzeugen.

„Auch an diesen Beispielen wird sichtbar, dass nicht nur die deutsche Wirtschaft und damit der deutsche Mittelstand von der Projektförderung nachhaltig profitieren, sondern die gesamte Gesellschaft. Deshalb ist eine Aufstockung der IGF-Mittel eine wertvolle Investition in die Zukunft“, betonte Andrea Weißig, Geschäftsführerin AiF Forschungspolitik. Derzeit stehen für die IGF 169 Millionen Euro für 2019 zur Verfügung. Jährlich können hiermit mehr als 500 Vorhaben neu bewilligt und insgesamt über 1.700 laufende Vorhaben gefördert werden. „Der Bedarf ist aber deutlich höher, und deshalb hoffen wir auf einen signifikanten Mittelaufwuchs für die IGF ab dem Haushaltsjahr 2020“, so Weißig weiter. (frd)

Foto: ©AiF

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