AIF IM GESPRÄCH: Dr. Martin Kleban zur Lederforschung

Dr. Martin Kleban
7.4.2026 – Dr. Martin Kleban ist Geschäftsführer des Verbandes der Deutschen Lederindustrie e.V. (VDL) und der Forschungsgemeinschaft Leder e.V. (FGL). Die FGL ist seit 1958 Mitglied der AIF.
Herr Dr. Kleban, Sie waren und sind in verschiedenen Führungspositionen und auch als Wissenschaftler in dem Bereich der Lederindustrie sehr erfolgreich. Was fasziniert Sie an dieser Branche und nicht zuletzt an dem Material?
Leder ist so alt wie die menschliche Zivilisation. Auch wenn oder gerade weil sich die Herstellung über die Jahrtausende weiterentwickelt hat, bleibt Leder ein vielseitiges, immer junges, immer modisches und schon immer nachhaltiges Material mit einer großen Anwendungsbreite. Die Lederindustrie agiert wirklich weltweit: Wo immer Tiere für ihre Milch oder ihr Fleisch gehalten werden, gibt es auch Gerbereien, die den Zwangsanfall Haut als Rohstoff nutzen. Die Leder-Community ist wirklich global; in vielen Firmen finden sich Mitarbeiter aus allen Teilen der Welt, die das gemeinsame Interesse an Leder zusammengebracht hat.
Lederherstellung war noch nie ein White-Collar-Job und hat deswegen nicht den besten Ruf. In der Realität ist die Industrie in Bezug auf Nachhaltigkeit vielen vergleichbaren Sektoren aber schon immer ein Stück voraus. Was ein Textilschuh nur mit einer Gore-Tex-Membran kann, bekommt Leder ganz ohne Fluorpolymere oder PFAS hin. Flammfeste Textilbezüge im Öffentlichen Personenverkehr oder der Luftfahrt – das kann Leder auch ohne Polybromierte Flammschutzmittel. Phthalate als Weichmacher in Plastikschuhen (siehe EU Safety Gate) hat Leder nicht nötig. Mikroplastik ist sowieso kein Thema. Leder ist ein Hi-Tec Material by nature.
In welche Richtung tendiert die Forschung in diesem Bereich?
Die Anwendungseigenschaften von Leder weiter zu verbessern, ist eine echte Herausforderung. Deswegen fokussiert sich die Forschung heute darauf, die bekannten Stärken mit weniger umweltbelastenden Methoden zu erzielen. Ein Teil davon ist auch, für die Zwangsanfälle während der Lederherstellung eine wertschöpfende Verwendung zu finden. Während das OECD-Emissionsszenario Lederherstellung aus dem Jahr 2004 noch postuliert, dass nur zirka 30 Prozent der Trockenmasse der anfallenden Haut zu Leder verarbeitet und verkauft wird, kann die Ressourceneffizienz heute bis nahe an 100 Prozent gebracht werden. Auf der Liste der möglichen Produkte stehen Gelatine, Kollagen, Bio-Stimulanzien, Öle und Fette für die Kosmetik-Industrie, Lederfaser-Materialen und mehr. Aber auch der Hi-Tech-Sektor ist vertreten, zum Beispiel mit künstlicher Haut im medizinischen Bereich oder bio-basierten Folien. Die Forschungsprojekte sind generell sehr realitätsnah und ergebnisorientiert; ein großer Fortschritt erfolgt über mehrere kleine, gut umsetzbare Verbesserungen.
Worin sehen Sie die Vorteile des Dachverbandes AIF für Forschungsvereinigungen wie Ihrer Forschungsgemeinschaft Leder e.V. – FGL und den von Ihrem Hause begleiteten forschenden Unternehmen?
Die lederherstellende Industrie in Deutschland ist durch die Bank im Mittelstand zu finden; die gesamte Branche ist nicht mehr groß. Ein Dachverband wie die AiF bietet uns die Möglichkeit, zusammen mit anderen kleinen Branchen eine Stimme mit Gewicht zu formen, die Synergien findet und unsere gemeinsamen Interessen organisieren und vertreten kann – im Sinne des Wirtschafts- und Forschungsstandorts Deutschland.
Foto: © VDL



