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Praxisorientierte Partner: Mittelstand-Digital Zentrum Ländliche Regionen und AiF

Dr. Muhamed Kudic

Die Mittelstand-Digital Zentren im gesamten Bundesgebiet bieten Anlaufstellen zur Information, Sensibilisierung, Qualifikation und langfristigen Vernetzung von kleinen und mittelständischen Unternehmen (KMU). Im Kern geht es um die Forcierung der Digitalisierung im Mittelstand. KMU und Handwerksbetriebe werden durch Praxisbeispiele, Demonstratoren, Informationsveranstaltungen und den gegenseitigen Austausch an Digitalisierungsthemen herangeführt und befähigt, diese bestenfalls eigenständig im Betrieb umzusetzen. Dr. Muhamed Kudic ist Leiter des Mittelstand-Digital Zentrums Ländliche Regionen und spricht mit uns über die Kooperation mit der AiF.
 

AiF: Herr Dr. Kudic, können Sie bitte kurz beschreiben, welche Themenbereiche das Mittelstand-Digital Zentrum Ländliche Regionen bearbeitet?

Dr. M. Kudic: Die Förderlinie Mittelstand-Digital gibt es jetzt seit etwa acht Jahren und seit 2021 unter diesem Namen. Bundesweit sind es 29 Mittelstand-Digital Zentren. Die Kernidee von Mittelstand-Digital ist: KMU möglichst praxisnah durch bedarfsorientierte Transferformate bei der Digitalisierung zu unterstützen. Es sollen also keine neuen Forschungsinhalte erschlossen, sondern bestehende Erkenntnisse und digitale Technologien in der Praxis nutzbar gemacht werden. Dabei findet aber keine klassische Beratung statt, sondern vielmehr begleitende Impulse im Kontext einer praxisnahen Nutzung.

Die Angebote erstrecken sich im Wesentlichen über vier Säulen. Die erste niederschwellige Säule beinhaltet Informationsveranstaltungen und Sensibilisierungsangebote. Hier geht es darum, den KMU die Relevanz der Digitalisierung aufzuzeigen. Dabei bedienen wir uns technischer Demonstratoren in Form von Software-Lösungen oder von Hardware-basierten Aufbauten. Im ersten Fall können dies beispielsweise Software-Applikationen (Apps) sein, wie zum Beispiel ein Chat-Bot. Im zweiten Fall arbeiten wir unter anderem mit technischen Einrichtungen oder Geräten wie einer AR/VR (Augmente/Virtual Reality)-Brille oder mit 3D-Druckern, um technische Möglichkeiten zugänglich und erlebbar zu machen. Mit diesen zum Teil haptischen Hilfsmitteln können wir sichtbarer machen, worum es uns bei der Digitalisierung von KMU geht.

Die zweite Säule umfasst Qualifizierungsformate und -angebote, zum Beispiel Workshops, in denen Mitarbeitende bei der Einführung der Digitalisierung didaktisch mitgenommen werden. Bei der dritten Säule geht es dann um die konkrete Umsetzung prototypischer Lösungen im Betrieb, das heißt: Wir besuchen mit einem Team das Unternehmen, schauen, wo der Schuh drückt, analysieren gemeinsam mit den Mitarbeitenden das Problem und bieten auch prototechnische Lösungen an. Die sind natürlich nicht im Unternehmen voll anwendbar, zeigen aber mögliche Problemlösungsansätze auf, die im Nachgang unserer Arbeit von einem professionellen Dienstleister aufgegriffen und weiterverfolgt werden können. Dabei ist die Beachtung der „Vorwettbewerblichkeit“ von herausragender Bedeutung, denn wir dürfen natürlich nicht verzerrend in den Markt eingreifen. Erarbeitete Ergebnisse in einem Betrieb werden über unsere Öffentlichkeitskanäle auch anderen Unternehmen zugänglich gemacht. Auf unserer vierten Säule sind die Vernetzung und der Wissenstransfer in Zusammenarbeit mit anderen Partnern großgeschrieben.

In unserem Zentrum fokussieren wir uns auf die Digitalisierung in ländlichen industrialisierten Regionen. Mit dieser Ausrichtung sind wir die einzigen unter den 29 Mittelstand-Digital Zentren in Deutschland. Das ist aber nur eines unserer Alleinstellungsmerkmale: Bei uns stehen die Fachkräfte und Mitarbeitenden bei der Automatisierung und Digitalisierung stets im Mittelpunkt. Kurzum, wir arbeiten mensch-zentriert, sozialpartnerschaftlich und partizipativ und haben den Anspruch, die Mitarbeiterschaft entlang aller Hierarchie-Ebenen einzubinden und mitzunehmen. Wir helfen nicht dabei, den Mitarbeiter durch eine Maschine zu ersetzen.


AiF: Beim Thema „Vernetzung“ rissen Sie die Rolle von weiteren Partnern an. Welche Rolle spielt die AiF Arbeitsgemeinschaft industrieller Forschungsvereinigungen „Otto von Guericke“ e.V. in der Zusammenarbeit mit dem Mittelstand-Digital Zentrum Ländliche Regionen?

Dr. M. Kudic: Als unser neuer Konsortialpartner übernimmt die AiF eine wichtige Rolle bei der überregionalen Vernetzung. Damit ist der Breitentransfer nicht nur in ähnliche Regionen möglich, sondern wir können auch in neue Technologiefelder vorstoßen und von Spillover-Effekten sowie Mitnahmeeffekten profitieren. Vorher waren unsere Aktivitäten vorwiegend auf die Region Südwestfalen zugeschnitten. Mit dem Übergang zum Themenzentrum haben wir das Mandat, unsere Ergebnisse, die wir hier in der Region erarbeiten, auch überregional zu transferieren. Das heißt, die Expertise aus unserer Region wird auch in andere ländliche Regionen Deutschlands über niederschwellige Infoveranstaltungen übertragen – und da kommt die AiF ins Spiel: Sie zeichnet sich ja dadurch aus, dass sie über langetablierte Netzwerke in die Industrie hinein verfügt. Dazu kommen die branchenübergreifenden und über Jahrzehnte gewachsenen Forschungsvereinigungen. Solche bundesweit verteilten Netzwerke haben wir nicht. Ohne die AiF müssten wir enormen Aufwand betreiben, um an Unternehmen in Brandenburg, in Bayern oder andere Bundesländer zu kommen. Der natürliche Gedanke war, wir nehmen uns einen Partner, der gut vernetzt ist, dazu mit ins Boot. Die Infrastruktur der AiF spielte dabei eine herausragende Rolle.

Außerdem hat die AiF das InnovatorsNet aufgebaut – über diese Plattform können wir die Inhalte, die wir hier erarbeiten, nach außen transportieren. Dafür kreiert die AiF neue Transferformate. Sie ist hier komplementär zu unserem Netzwerkmanager aufgestellt. Der Netzwerkmanager ist dafür verantwortlich, unsere Themen, in das Mittelstand-Digital-Netzwerk zu transferieren; er informiert andere Zentren und schließt Kollaborationen. Die AiF baut uns dorthin eine Brücke, wo kein Mittelstand-Digital Zentrum Zugang hat. Damit fahren wir eine mehrgleisige Breitentransferstrategie.


AiF: Wie läuft das im Detail ab?

Dr. M. Kudic: Die AiF organisiert themenspezifische Präsenz- und Online-Veranstaltungen. Damit hilft sie, unsere Workshops, Lab-Touren und Besichtigungstage mit Fokus auf die ansässigen Smart Factories und Demonstratoren mit Unternehmensbezug in der Breite bekannt zu machen. Formate wie „Digital Scouts“ – Wegbereiter, um die Digitalisierung im Unternehmen voranzubringen – oder „KI-Pioniers“ sind nur zwei Beispiele, bei denen die AiF eine Breitentransferwirkung unterstützt.

Ferner werden auch Pitches zu KI und anderen Themen in die Breite getragen – hierzu ein konkretes inhaltliches Beispiel: „Wie können KMU Chat GPT schnell und effizient einsetzen?“ Nach einem Impulsvortrag eines Experten oder einer Expertin können die Unternehmerinnen und Unternehmer dazu ihre Fragen stellen, sich austauschen und nicht zuletzt vernetzen. Weitere aktuelle Formate sind Frontalvorträge von uns oder Fachleuten aus der Industrie; auch hier greifen wir Themenwünsche der KMU auf.

Zusätzlich sind sogenannte Schaufenster geplant, bei denen alle Partner des Mittelstand-Digital Zentrums Ländliche Regionen mitwirken. Unsere breit ausgebaute Laborinfrastruktur mit dem FabLab (Fabrication Labour), in dem wir mit 3D-Druckern oder auch Lasertechnik bestimmte Bauteile entwickeln sowie anfass- und nutzbar machen, ermöglichen uns beispielsweise Rapid Prototyping umzusetzen. Die Idee dabei ist, dass Unternehmen die Möglichkeit erhalten, selbst Hand anzulegen und auszuprobieren. In unserem DataLab steht Software im Mittelpunkt. Dabei geht es um Daten-Management und KI-Themen. In einem vernetzten Labor statten wir verschiedene Maschinen mit Sensorik aus, sammeln und analysieren Daten und bereiten diese für KI-Anwendungen vor.

In diesem Jahr finden insgesamt 32 Veranstaltungen in Kooperation mit der AiF statt, darunter zwei virtuelle „AiF-MDZ Praxis-Labtouren“ im Mai und Oktober. Das heißt, anhand eines fiktiven, produzierenden Unternehmens werden die Teilnehmenden durch die Besichtigungstour in verschiedene Unternehmensbereiche geführt, Live-Schalten verschiedener Partner inklusive.


AiF: Wo sehen Sie die Vorteile dieser Kooperation für Unternehmen und Institutionen?

Dr. M. Kudic: Der Kerngedanke ist, dass wir über die AiF und ihr InnovatorsNet an Reichweite dazugewinnen. Wir kommen über beide an Kundenkreise und Firmen heran, die wir ohne die AiF niemals erreichen würden. Im Mittelpunkt steht dabei das AiF InnovatorsNet, insbesondere seine neue Version (A.d.R Presseinformation zum neuen AiF-InnovatorsNet). Mitgliedern des InnovatorsNet können wir zum Beispiel ganz konkrete „Transferhäppchen“ liefern.

Da unser Kernkundenkreis KMU sind, ist es weniger unser Ziel, Mehrwerte für öffentliche Institutionen zu schaffen. Das Mandat, das wir haben, zielt darauf ab, insbesondere KMU zu unterstützen. Natürlich nehmen an Veranstaltungen im AiF InnovatorsNet auch häufig Multiplikatoren teil: Vertreter von Kammern, Regionalagenturen oder Wirtschaftsförderungen. Die verstehen wir als Katalysatoren, die zusätzlich Themen in ihre Kernklientel mitnehmen. Der Mehrwert für diese Stakeholder ist, dass sie sich eine aufwendige Recherche sparen können und gebündelt Informationen bekommen.

Darüber hinaus erinnere ich mich auch gern an den Innovationstag im Juni 2023, der vom Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz (BMWK) über die AiF jährlich organisiert wird. Wir bekamen dort dankenswerterweise einen Slot, um unsere Arbeit und die der Begleitforschung von Mittelstand-Digital zu präsentieren. Nicht zuletzt bedeutet es für uns auch eine wertvolle Reichweite, dass der Bundeswirtschaftsminister, sein Staatssekretär für Mittelstand und andere vor Ort waren.


AiF: Wenn Sie die bisherige Arbeit des Mittelstand-Digital Zentrum Ländliche Regionen für kleine und mittlere Unternehmen analysieren – wo sehen Sie die größten Herausforderungen?

Dr. M. Kudic: Seit kurzem sollen sich die Zentren stärker auf die Themen Künstliche Intelligenz und KI-Readiness fokussieren. Readiness bedeutet: KMU sind fit dafür, mit KI zu beginnen oder werden dafür fit gemacht. Wir sehen das eher kritisch, denn wenn man die Realität des Mittelstandes betrachtet und sich mit den Sorgen, Nöten und Themen der Unternehmerinnen und Unternehmer beschäftigt oder mit der Belegschaft unterhält, dann sind andere Themen, die auch Digitalisierungsthemen sind, aber noch nichts mit KI zu tun haben, viel dringlicher. Die Herausforderung ist: Was macht man mit den vielen Firmen, die eine grundlegendere Art von Unterstützung benötigen? Es ist wenig nachhaltig über KI zu reden, wenn die Hausaufgaben vorher nicht erledigt wurden.

Um die Digitalisierung hier voranzubringen, müssen wir praxisnah und bedürfnisorientiert gegenüber den kleinen und mittelständischen Unternehmen agieren. Mit der AiF haben wir einen Konsistorialpartner gewonnen, der seit Jahrzehnten erfolgreich danach handelt. Wir freuen uns, gemeinsam mit diesem breit aufgestellten Forschungs- und Transfernetzwerk Mittelstand die Wettbewerbs- und Zukunftsfähigkeit dieser Unternehmen zu stärken. (frd)
 

Foto: © Thomas Range